Holzgraffiti von Formschlüssig

Wenn Graffiti und Holz zur perfekten Einheit verschmelzen

Tischler ist sein Beruf, Graffiti seine Berufung. Der Dortmunder Philipp Schwingeler hat 2011 mit Graffiti-Schriftzügen aus Holz eine Marktlücke erobert und eine Brücke geschlagen. Er begeistert seitdem bei vielen Veranstaltungen mit seinen Werken, die aber auch beim Besuch in seinem Atelier, einer umgebauten Kfz-Werkstatt, für Staunen sorgen. Trotz voller Auftragsbücher kann der 37-Jährige die Finger aber nicht ganz von der Spraydose lassen. Mark vom Toolineo Magazin „Die Werkstatt“ sprach mit dem Dortmunder, der sein Handwerk zur Kunst und seine Kunst zum Beruf gemacht hat.

Herr Schwingeler, wie sind Sie zum Beruf des Tischlers gekommen?
Ich habe in Bochum Geologie studiert, habe aber schnell gemerkt, dass das Studieren nicht meine Welt ist. Ich wollte das Studium aber nicht einfach so schmeißen, daher habe ich eine Ausbildungsstelle zum Tischler gesucht und bin in Witten bei einem Möbeltischler fündig geworden, wo ich die Ausbildung auch erfolgreich abgeschlossen habe.

Wie kommt man als Tischler zum Holz-Graffiti? Wäre da nicht eine Ausbildung zum Holzbildhauer praktischer und hilfreicher gewesen?
Mit 15 habe ich anfangen, in der Sprayer-Szene aktiv zu werden. Ich wollte schon immer gerne beruflich etwas in diese Richtung machen. Ich habe zu Hause immer mal etwas ausgeschnitten, so ist die Idee allmählich entstanden. Ich wollte das Studium aber nicht zugunsten dieser Idee einfach so hinwerfen. Daher habe ich die Tischler-Ausbildung begonnen, um fundierte Einblicke in das Gewerk zu bekommen. Nach der Ausbildung habe ich direkt den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Dabei habe ich auf Lehrgänge und Förderungen zurückgegriffen. Ich habe auch schnell mein Atelier in Dortmund-Kirchlinde gefunden, eine alte Kfz-Werkstatt, die für meine Zwecke optimal war. Wäre das alles nichts geworden, hätte ich als Tischler schneller einen Job gefunden, als als Holzbildhauer.

 

 

Was hat Sie überhaupt angetrieben, sich der Kunst zu widmen?
Meine Mutter ist künstlerisch unterwegs. Wir sind zu Hause diesbezüglich immer gefördert worden, haben schon als Kinder viel gemalt. Wie gesagt, bin ich mit 15 in die Graffiti-Szene geraten. Dort habe ich aber schnell gelernt, Geld zu verdienen, anstatt es zu bezahlen. Diese Szene hat mich aber bis heute nicht losgelassen. Es gibt sehr viele gute Graffiti-Künstler. Mit den Holzschriftzügen konnte ich mich aber abheben, mir ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Die Graffiti-Szene im Ruhrgebiet ist schon besonders angesagt. Ganz vorne sind natürlich Städte wie Berlin oder Hamburg.

Lässt sich das Erstellen von Holz-Graffitis mit dem normalen Handwerksalltag eines Tischlers vereinbaren? Oder konzentrieren Sie sich mittlerweile voll und ganz auf die Graffiti-Schriftzüge?
Ich bin freischaffender Künstler und habe mit dem Beruf des Tischlers nichts mehr zu tun, auch wenn ich natürlich auf viele Kniffe aus der Ausbildung zurückgreifen kann. Es gibt Dinge, die man eben wissen muss – z.B. dass man Holz auf beiden Seiten bearbeiten muss, weil es sich sonst biegt. Zu meinem damaligen Ausbildungsmeister habe ich immer noch Kontakt. Der hilft mir auch gelegentlich im Atelier. Allerdings kann ich die Finger nicht ganz von der Spraydose lassen. Immer wieder bekomme ich größere Aufträge. 2016 z.B. habe ich fünf Fassaden in Gelsenkirchen gemacht. Die Szene lässt mich nicht so ganz los. Aber wenn ein Kunde fragt – und auf meiner Webseite „form-schlüssig.de“ habe ich ja auch eine eigenen Graffiti-Bereich – dann erledige ich den Auftrag. Als Selbstständiger mit Frau und Kind muss das Geld eben reinkommen.

Was sagt Ihr Umfeld zu dem außergewöhnlichen Beruf?
Meine Familie und der engere Freundeskreis standen sofort hinter mir und haben gesagt: „Mach das!“ Man hat mich sofort unterstützt. Mein Vater hat ohnehin immer gesagt: „Philipp muss Chef werden!“. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Kunstwerke erinnern?
Angefangen hat alles mit einem Bücherregal mit dem Schriftzug „Bibliothek“. Ich habe in der Folge verstärkt Möbel gestaltet, die mit Graffiti-Schriftzügen versehen waren. Die Nachfrage hielt sich aber in Grenzen – im Gegensatz zu den einzelnen Schriftzügen allein. Ich wollte ohnehin mehr in die Graffiti-Richtung, mehr das Dreidimensionale herausholen.

Gibt es einen Auftrag, an den Sie sich besonders gerne erinnern?
Da gibt es viele Dinge. Jeder Auftrag ist für sich besonders. Hervorheben kann ich einen Auftrag, bei dem ich mal ein Werk über ein Video von einem Künstler aus Chicago nachempfunden habe. Ein guter Freund von mir ist Kameramann. Daher haben wir im Video-Bereich schon einiges gemacht. Besonders viel Spaß machen mir aber auch immer die Workshops mit Jugendlichen. Die gebe ich je nach Nachfrage. Ich habe lange bei der DASA (DASA – Arbeitswelt Ausstellung ist ein 1993 als Deutsche Arbeitsschutzausstellung eröffnetes Museum in Dortmund, Anm. d. Red.) gearbeitet. Damals habe ich monatlich Workshops gegeben. Insgesamt ist das aber nun deutlich weniger geworden.

Wie groß sind Ihre Werke? Wo präsentieren Sie die? Was kostet so ein Schriftzug?
Die meisten Schriftzüge haben eine Länge von 1,25 m. Das liegt daran, dass die Multiplexplatten (Mehrschichtiges Furnier-Sperrholz mit einer Dicke von mehr als 12 mm, Anm. d. Red.), die ich verwende, eine Größe von 1,25 m x 2,50 m haben. Das ist meine Normgröße. Größere Platten muss ich extra zuschneiden lassen. Das schlägt sich natürlich in den Kosten für den Kunden nieder. Die Preise fangen bei 550 € an und steigern sich je nach Größe und Aufwand. Meine Werke kann man sich bei mir im Atelier anschauen. Hier wird allmählich der Platz eng. Darüber hinaus nehme ich seit Beginn bei OpenArt Phönixsee in Dortmund teil. In diesem Jahr bin ich auch beim Dortmunder Wochenende der offenen Ateliers dabei.

Wie lange benötigen Sie für die Fertigstellung der Schriftzüge? Mit welchen Werkzeugen arbeiten Sie dabei überhaupt?
Für die meisten Schriftzüge benötige ich eine bis anderthalb Wochen vom Entwurf über den Schnitt bis hin zur Lackierung. Dabei arbeite ich meistens mit der Stichsäge. Danach kommen Exzenterschleifer und Multimaster zum Einsatz. Beim Schleifen der Oberflächen muss man besonders sorgfältig sein. Wenn eine Fläche bunt lackiert wird, sieht man später sofort jede kleine Unebenheit. Für die Stellen, die ich selbst mit dem Multimaster nicht erreiche, greife ich zum guten alten Schmirgelpapier. Für das Lackieren nehme ich ausschließlich Sprühdosen. Mit Airbrush würde ich die Schattierungen etwas feiner hinbekommen, aber ich mag es gröber. Das wirkt auch irgendwie satter. Das gefällt mir besser.

Haben Sie ein Lieblingswerkzeug?
Ganz klar meine  Akku-Stichsäge von Makita und meinen Fein-Multimaster. Die Akku-Stichsäge bietet bei Formen und Rundungen Vorteile. Das Kabel stört da nur.

Die Redaktion bedankt sich für das nette Interview. Sämtliche Bilder wurden uns mit freundlicher Unterstützung von Philipp Schwingeler zur Verfügung gestellt. Zur Webseite von Philipp Schwingeler geht es hier lang: www.form-schlüssig.de.

Haben auch Sie einen besonders interessanten Beruf oder ein Hobby im handwerklichen Bereich oder bearbeiten Sie spannende Projekte? Gerne Stellen wir auch Sie mit einem kurzweiligen Interview vor! Melden Sie sich dazu einfach bei uns unter werkstatt@toolineo.de.